Fast 200 Teilnehmer aus allen Bundesländern kamen Ende Februar nach Berlin, um sich beim 8. Nationalen Paging-Kongress zu informieren und zu beraten. Ende 2012 soll der BOS-Digitalfunk für Sprache und Daten in Deutschland stehen. Praktiker und Experten zweifeln jedoch daran.
Zu oft wurde der Termin bereits verschoben, zu schwierig die Akquise hochwertiger Standorte, zu unrealistisch die Aussichten für eine flächendeckende Netzabdeckung, zu theoretisch und preisintensiv die angekündigten TETRA-Funkmeldeempfänger. Ganz zu schweigen von der föderal geregelten Umstellung der analogen auf die digitale Alarmierung. Hierzu gibt es nach wie vor wesentlich mehr Fragen als Antworten. Das erklärt die Anziehungskraft der Nationalen Paging-Kongresse, die sich seit 2003 zur führenden Fachveranstaltung für die Alarmierung in Deutschland entwickelt haben.
Hans-Peter Kröger, Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes (DFV), hatte erneut die Schirmherrschaft übernommen und mit Marlis Cremer führte erstmals eine Frau der Basis durch das dichte Programm. Als Leiterin des Amts für Ordnungsangelegenheiten, Rettungswesen und Bevölkerungsschutz in der Städteregion Aachen weiß sie Theorie und Praxis sehr genau zu unterscheiden.
Nagelprobe in der Praxis
Alarmierung und Warnung, die zwei Seiten ein und derselben Medaille, beleuchteten insgesamt 14 in- und ausländische Referenten. So forderte DFV-Vizepräsident Hartmut Ziebs, der Digitalfunk BOS müsse sich an den Anforderungen der mit Abstand größten Nutzergruppe – rund 1,6 Mio. Kräfte der „nicht-polizeilichen Gefahrenabwehr“ – orientieren. „Hier wird die Nagelprobe in der Praxis stattfinden, wenn die Alarmierung und Nachrichtenübermittlung zu Hause, im Betrieb, in einem Krankenhaus oder an einem abgeschirmten Arbeitsplatz erfolgt.“ Ein frommer Wunsch, wandten zahlreiche Teilnehmer während der Podiumsdiskussion ein. Denn die Basisfunkversorgung sehe keine Flächendeckung vor. Eine erhebliche Netzverdichtung sei aber – neben der erforderlichen Bandbreite bzw. Frequenzressource – die notwendige Voraussetzung für eine flächendeckend verfügbare Alarmierung in TETRA.
In der ThyssenKrupp Steel Europe AG habe die digitale Alarmierung längst ihre Nagelprobe bestanden, berichtete Thomas Wanischeck, Leiter Sicherheitstechnik. Vor vier Jahren habe man die in Frage kommenden Systeme verglichen und sich für die e*BOS-Alarmierung im 70-cm-Band entschieden, weil sie sämtliche Anforderungen an die Alarmierung der Werksicherheit und Werkfeuerwehr an mehreren Standorten erfülle: Übertragung unter 15 Sekunden, Erreichbarkeit auf allen Werksgeländen und im Umland, hohe Ausfallsicherheit durch ein redundantes, exklusives Netz, Unabhängigkeit von öffentlichen Kommunikationsnetzen, kalkulierbare Kosten.
Aus technischen, wirtschaftlichen und einsatztaktischen Gründen spricht einiges dafür, dass die Alarmierung künftig redundant zum BOS-Digitalfunk für Sprache und Daten erfolgt. Hier sind die letzten Messen längst noch nicht gelesen. Eine offene Baustelle stellt auch die Warnung der Bevölkerung im Krisenfall dar. Dr. Manfred Schmidt, Leiter der Abteilung Krisenmanagement und Katastrophenschutz im BMI, konstatierte eine extreme Abhängigkeit von infrastrukturellen Dienstleistungen. Dadurch sei die Gesellschaft sehr verletzlich geworden. Er befürchtet Dominoeffekte, die nach Störungen oder Ausfällen ganze Bereiche oder Regionen zum Erliegen bringen können.
Künftig sollen Kompetenzen von Bund, Ländern, Hilfsorganisationen und Wirtschaft miteinander vernetzt werden, um ein abgestimmtes „Bundeskräftelagebild“ zu erhalten und im Ernstfall handlungsfähig zu sein. Gemeinsame Verantwortung betrachtet er „in einem ganz pragmatischen Sinn: als partnerschaftliches Zusammenwirken über föderale Grenzen hinweg.“
Modulares Warnsystem
Vernetzung ist auch das Stichwort für Ralph Tiesler, Vizepräsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Er sieht erhebliche „Warnlücken“ bei Bund und Ländern. Deshalb kündigte er den Ausbau des Satellitengestützten Warnsystems (SatWas) des Bundes zu einem modularen Warnsystem mit einheitlicher Benutzeroberfläche für sämtliche Gefahrenlagen an. „Alle vorhandenen und derzeitig vorstellbaren Systeme sind integrierbar“, erläuterte Ralph Tiesler. In der ersten Pilotphase erhalten die Länder Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und die Freie Hansestadt Hamburg eine SatWas-Anlage, die sie in die Lage versetzt, sich über eine Leitstelle dem bestehenden Bundessystem anzuschließen. In der zweiten Phase sollen dann alle Bundesländer technisch angebunden werden.
Beklagte Ralf Tiesler noch das Fehlen von Warnsystemen mit Weckeffekt, boten die nach ihm folgenden Redner bereits erfolgreich erprobte bzw. geplante Lösungen für dieses Problem. So stellte Ulrich Meissen vom Fraunhofer Institut für Software- und Systemtechnik (ISST) mehrere Systeme vor, mit denen eine bessere Frühwarnung erreicht werden soll. Zum Beispiel mit dem Unwetterwarnsystem WIND (Weather Information on Demand), mit SAFE (Sensor-Aktor-gestütztes Frühwarnsystem bei Extremwetter) oder mit KatWarn zur Katastrophenwarnung im Küstenbereich.
Ein einziges Warnsystem für alle und alles könne es nicht geben, betonte Ulrich Meissen. Nur eine Verknüpfung verschiedener Kommunikationskanäle könne zu einer gezielten Warnung von Behörden, Bürgern und Industrie führen. Hierfür müsse allerdings erst einmal die für Deutschland typische „Föderalismus-Hürde“ genommen werden. Überfällige Maßnahmen dürfen nicht am Gerangel um Kompetenzen, Zuständigkeiten und Finanzen scheitern.
Ähnliches gilt auch für die vor zehn Jahren gestartete Initiative „Rauchmelder retten Leben“. Einige wenige Bundesländer weigern sich nach wie vor, ihren Bürgern diesbezüglich etwas vorzuschreiben, aber laut Christian Rudolph, Vorsitzender des Forums Brandrauchprävention in der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (vfdb), haben sich inzwischen 40 Prozent der deutschen Haushalte mit Rauchwarnmeldern ausgerüstet. Noch in diesem Jahr soll der Prototyp eines Rauchwarnmelders mit integriertem Paging-Modul entstehen, kündigte Rudolph an. Dieses Gerät schlägt nicht nur bei einem Brand in den heimischen vier Wänden Alarm, sondern kann die Bürger auch im Krisenfall warnen. Sehr lautstark, auf die Straße genau und mit nächtlichem Weckeffekt. Wie kurz und präzise Warninformationen übrigens sein müssen, um im Ernstfall sofort verstanden werden zu können, vermittelte Dr. Ellen Jagtman von der Technischen Universität Delft (Niederlande) auf höchst anschauliche Weise. „Ein Warnsystem ist so stark wie sein schwächstes Glied“, lautet ihr Fazit. Ihr Vortrag – ein konkretes Lehrstück.
Weniger direkt konnte Helge Krysiak von der Alacatel-Lucent Deutschland AG in seinem Referat über Sicherheitsnetze vorgehen, schließlich befand sich sein Unternehmen noch in der „Warteschleife“ des Vergabeverfahrens. Also verwies er auf Betreibererfahrungen mit dem BOS-Digitalfunknetz in Österreich. Auf den Tag genau einen Monat nach dem 8. Nationalen Paging-Kongress erteilte die BDBOS der Alcatel-Lucent Deutschland AG den Zuschlag über den Betrieb des BOS-Digitalfunknetzes in Deutschland. Sie verantwortet künftig Verfügbarkeit und Qualität des Netzes. Was es letztlich kann, wird sich im Alltag zeigen.
„Ohne Alarmierung kein Feuerwehreinsatz“, mahnte Dr. h.c. Ralf Ackermann, Vizepräsident des DFV und Präsident des Landesfeuerwehrverbandes Hessen, in seinem Schlusswort nicht ohne Grund. „Nötig ist eine erstklassige, landesweite Funkversorgung, nötig ist die gleichzeitige Alarmierung aller erforderlichen Einsatzkräfte.“ Ein klassischer Fall für Paging.
Die Vorträge des 8. Nationalen Paging-Kongresses stehen zum Herunterladen auf folgender Website bereit: www.bos-alarmierung.de/Paging Kongresse/Paging Kongress 2010