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Nähte statt Nieten

Vor 200 Jahren fertigte ein Hofkupferschmied aus Jena erstmals genietete Feuerwehrschläuche aus Leder, die viel zuverlässiger waren als die bis dahin genähten – gute Pflege vorausgesetzt.

Das war im Jahr 1809. Im selben Jahr soll auch der Thüringer Schlauchweber Johann Jacob Burbach erstmals nahtlose Lederschläuche gefertigt haben. Doch solche gab es damals schon etwa hundert Jahre lang, auch in Thüringen. Sie waren eine Revolution im Löschwesen, deren Herstellungsweise lange geheimgehalten wurde.

Grafik: Grafiksammlung DFM Fulda
Wer durch die verschlafene Kleinstadt Hörselgau in Thüringen schlendert und in der noch weniger aufregenderen Riedstraße vor dem Gebäude mit der Nummer 6 stehen bleibt, gerät dort immerhin ins Stutzen. Eine Gedenktafel an der Gebäudewand verkündet nämlich: „In diesem Haus stellte Johann Jacob Burbach (1768-1834) 1809 den ersten nahtlosen Feuerlöschschlauch der Welt her.“ Das klingt wenig spektakulär, und doch verbirgt sich dahinter eine Revolution im Feuerlöschwesen, die Unzähligen das Leben gerettet hat. Einen Haken allerdings hat die Sache: Die Gedenktafel verkündet die Unwahrheit.
Foto: Kellermann

Foto: Kellermann

Als "Ente", also Falschmeldung bezeichnete der inzwischen verstorbene Wolfgang Hornung-Arnegg, Verfasser des Standardwerks „Feuerwehrgeschichte“, die Aufschrift. Zwar gründete der Webermeister Burbach um 1809 in Hörselgau eine Schlauchweberei, deren Nachfolgebetrieb, ein Gummiwerk, zwei Weltkriege überlebte, wenn auch nur vier Jahre lang die deutsche Einheit. Den ersten nahtlosen Feuerwehrschlauch aber hat keinesfalls Meister Burbach erfunden – was der kuriosen Geschichte des modernen Löschschlauchs freilich keinen Abbruch tut.
Nachdem spätestens vor fünfhundert Jahren in Augsburg eine brauchbare Feuerspritze mit Pumpvorrichtung erfunden worden war, blieb ein verhängnisvolles Löschproblem: Der Wasserstrahl konnte nicht gezielt auf den Brandherd gelenkt werden – es gab halt keine Schläuche! Löschtrupps mussten Wasser oft noch mühsam in Eimern herbeischleppen und schickten es über ein Wenderohr auf der Feuerspritze mehr schlecht als recht durch ein offenes Fenster oder in hohem Bogen durch das bereits eingestürzte Dach des Hauses in die Flammen. Wer dem Missstand abhalf, indem er den Schlauch erfand, ist ungeklärt.
In einer Augsburger Bauamtsrechnung ist erstmals 1588 von „ledernen Schläuchen“ die Rede. Von dem 1636 geborenen Röhrenmeister Martin Löhner heißt es, dass er in Nürnberg „Brunnen- und Wasserkunstarbeiten durchführte und die Anwendung von Schläuchen für Feuerlöschzwecke zeigte“. In seiner „Historischen Nachricht von den Nürnbergischen Mathematicis und Künstlern“ berichtet Johann Gabriel Doppelmayr im Jahre 1730 etwas wirr über Löhner: „… truge er auch noch zu mehrern Verbesserung der großen Feuerspritzen oder der sonsten so genannten Wasserkünste viel Gutes bey, daran er vornemlich am ersten in Nürnberg, wie die große lederne Schläuche recht zu appliciren und bey Feuersbrünsten nützlich zu gebrauchen, auch das Wasser seinen natürlichen Fortgang haben möge, ebenfalls gezeiget.“ Die Schläuche waren für 6 Kreuzer von einem Schuster Wolfermann zusammengenäht worden, wie es in der Quelle aus dem Archiv des Deutschen Feuerwehrmuseums in Fulda weiter heißt. Auch anderswo experimentierte man, angetrieben von den schlimmen Folgen verheerender Häuserbrände. In Amsterdam beförderte die Stadtverwaltung 1672 Jan van der Heyde (1637-1712) zum städtischen Brandmeister. Der Kunstmaler hatte brauchbare Vorschläge zur Verbesserung der wenig zweckdienlichen Feuerspritze mit Wenderohr gemacht und dabei ebenfalls auf Schläuche gesetzt, die er selber in seiner Werkstatt fertigte. Die schlauchbewehrte Spritze hatte den gewaltigen Vorteil, dass sie nicht mehr unmittelbar am Brandherd aufgestellt werden musste, sondern nahe bei der Wasserquelle, etwa einem Feuerlöschteich oder Kanal, stehen konnte. Ein Druckschlauch führte zum Brandherd und erlaubte den Innenangriff auf die Flammen im Haus, also aus nächster Nähe. Van der Heydes Schläuche waren aus einzelnen Lederbahnen zusammengenäht und machten auch andernorts von sich reden. Acht Feuerspritzen mit Lederschläuchen etwa exportierte Holland im Jahre 1720 nach Leipzig.
Doch schon einige Jahre zuvor hatte der aus dem thüringischen Ohrdruf stammende Posamentierer (Bortenwirker) und Leineweber Johann Christoph Beck in Leipzig Schläuche aus Stoff gewoben, die einen entscheidenden Vorteil gegenüber genähten Lederschläuchen besaßen: Sie waren aus einem Stück, besaßen also keine Naht mehr. Immer wieder nämlich rissen Lederschläuche an den Nähten auf, was während eines Brandes Menschenleben kosten konnte.
Im Jahr 1809 fertigte ein Hofkupferschmied namens Pflug aus Jena erstmals genietete Lederschläuche, die viel zuverlässiger waren – vorausgesetzt, man trocknete sie nach jedem Einsatz und fettete sie gut ein. Immerhin: Die Berliner Berufsfeuerwehr verließ sich noch bis 1875 auf Lederschläuche dieser Art, manch kleine Landfeuerwehr gar bis zur Jahrhundertwende. Die Zukunft aber gehörte dem nahtlosen und vergleichsweise pflegeleichten Gewebeschlauch. Allerdings musste der Leineweber Beck in Leipzig einen empfindlichen Rückschlag hinnehmen. Denn seine Hanfschläuche waren noch wasserdurchlässig und drohten obendrein nach Gebrauch zu modern. Zum Abdichten verwandte Beck schließlich Firnis, vermutlich solches auf der Basis von Leinöl. Doch jetzt wurden die Schläuche steif und brachen; der Hanf war außerdem nicht mehr quellfähig und deshalb undicht. Diese Erfahrungen ernüchterten so sehr, dass der gewebte Schlauch zunächst in Vergessenheit geriet. Auch der ambitionierte Hofspritzen-Inspektor Sebalon in Dresden scheiterte 1740 mit gestrickten Schläuchen.
Der Durchbruch gelang in deutschen Landen nach 1779 – nachzulesen in dem einschlägigen Werk „Das Schlauchwesen und die wasserführenden Armaturen, Band 1“, einem schönen Beispiel dafür, dass trockene Buchtitel Lesevergnügen auf den Seiten danach nicht ausschließen müssen. Herzog Karl August von Sachsen-Weimar zog es, wie seinen Freund Goethe auch, zu Reisen in den Süden, und so sah er 1779 bei einem Aufenthalt in der Schweiz, wie dort Schläuche nahtlos gewebt wurden. Geschäftstüchtig erkannte der Herzog in der Schlauchweberei möglichen Profit. Nach Hause zurückgekehrt, gliederte er 1781 einer Weimarer Zwilchfabrik eine Schlauchmanufaktur an. Geleitet wurde sie von Johanna Maria Buchholz. Die verwitwete Doktorin erhielt für vier Jahre die alleinige Befugnis, in Karl Augusts Herzogtum Schläuche weben zu lassen – mit Hanf aus dem elsässischen Straßburg. Der Herzog verlängerte das Privileg um drei weitere Jahre.
Foto: DFM Fulda
Schlauchwaschmaschine:
Hermann Beckmann (Lage i. Lippe) lieferte 1930 den Prototyp seiner Schlauchwaschmaschine „Rein-Schlauch“ an die FF Bad Liebenstein. Dort leistete sie bis in die 1960er-Jahre gute Dienste. 1991 kam sie in das Feuerwehrmuseums Römhild. Letzteres reichte die Schenkung an das Deutsche Feuerwehr-Museum Fulda (DFM) weiter.

Foto: DFM Fulda
Aufwändige Restaurierung:
Das DFM in Fulda scheute bei der aufwändigen Erforschung und Restaurierung der Schlauchwaschmaschine „Rein-Schlauch“ weder Mühe noch Kosten.
Das Foto zeigt Restaurator Thomas Auel bei der behutsamen Reinigung des Bürstenwerks.

Noch immer hatten die Schlauchweber die strenge Anweisung, die Kniffe ihres Handwerks geheim zu halten. „Nur mit viel List und Mühe“ war es umherwandernden Leinewebergesellen möglich, die Kunst des Schlauchwebens zu erlernen, heißt es in der 1928 an der Leipziger Universität erschienenen Doktorarbeit von Ada Reinhold. Eine regelrechte Lehre bei den Meistern des Fachs war „vollständig ausgeschlossen“.
Auch die beiden Handwerksburschen, die um das Jahr 1809 beim Hörselgauer Webermeister Burbach anheuerten, hatten sich die Schlauchwebkunst irgendwo abgeschaut. Johann Jacob Burbach nutzte ihr Können, verhängte seine Fenster und begann selber, Schläuche herzustellen. Ein Buch von 1813 mit dem bescheidenen Titel „Versuch einer Beschreibung der Sachsen-Coburgischen Lande“ berichtet, Meister Burbach habe seine Erzeugnisse gar nach Böhmen und Frankreich „verführt“ und damit „bedeutende Geschäfte“ gemacht. Wie gewitzt manch einer vorgehen musste, der das Schlauchweben erlernen wollte, berichtet Ada Reinhold in ihrer Dissertation: „Einer der ältesten Schlauchweber in Herjes-Vogtei (bei Schmalkalden in Thüringen) erzählte mir, dass sich zu jener Zeit ein wandernder Leinewebergeselle einem Schlauchweber in Hörselgau erboten habe, den Dompfaff des Meisters in einigen Tagen ein Liedchen zu lehren.“ Das Interesse des Gesellen galt freilich den Schläuchen, und nachdem er sich alles abgeschaut hatte, brachte er die Schlauchweberei nach Schmalkalden.
Im Herzogtum Weimar ratterten 1810 schon 15 Schlauchwebstühle. Für Wasser weitgehend undurchlässig waren die Hanfschläuche aber nur, wenn das Gewebe aufgequollen war – eine unpraktische Einschränkung. Erst als Gummi aufkam, war ein dichter und biegsamer Werkstoff gefunden. Erstmals 1836 teilte der Gewerbeverein Hannover ein Verfahren zum Gummieren von Schläuchen mit: Umständlich und zeitraubend wendete man Schlauchstücke um, bestrich sie mit Gummi und setzte sie, nach neuerlichem Wenden, mit Hilfe von rohrartigen Hülsen oder Buchsen zusammen. Immer wieder aber gab es Probleme mit innen verklebenden Schläuchen, wenn das Gummi in der Nähe von Bränden warm wurde. Auch das Hineinschütten von Flüssiggummi in den Schlauch und anschließendes Auswalzen, wie in um 1860 in der Hörselgauer Schlauchweberei betrieben, brachte keine zufriedenstellenden Ergebnisse. Beim Falten klebten die Schläuche oft zusammen.
1938 dann, über 220 Jahre nach dem Verzicht auf Nähte, verwandte man den synthetischen Kautschuk Buna (für Butadien und Natrium) zum Gummieren – und hatte somit endlich dichte Schläuche. Heutiges Löschwerk besteht beispielsweise aus einer gewebten Hülle aus Kunstfasern, zum Beispiel Nylon oder Trevira, sowie einem inneren heiß-vulkanisierten Gummischlauch oder einer Folie aus Polyurethan.

Lokalpatriotismus pur
Wie aber kam es nun zum Gedenkspruch in Hörselgau, der den nahtlosen Schlauch Johann Jacob Burbach zuschreibt, nach dem sogar eine Straße im Ort benannt ist?
Nach Auskunft einer Heimatforscherin geschah dies folgendermaßen: Die Stifterin der Tafel aus dem Jahr 1981 sei eine Ur-Ur-Urenkelin Burbachs und habe trotz der Proteste Einheimischer und gegen besseres Wissen dem Ahn die Erfindung zugeschrieben. Schierer Lokalpatriotismus also – keine Seltenheit, weder in Hörselgau noch anderswo.
Walter Schmidt

Fotos: DFM Fulda, Heiko Kellermann

 

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